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  Von Bolivien nach Parguay  (Leider ohne Filmmaterial, das mir in Rio abhanden kam)    

 

 

... bis zur argentinischen Grenze

Von Potosí  ging es früh per Bus nach Süden weiter durch die Cordillera Central Richtung argentinische Grenze. Unglaublich eindrucksvolle Landschaft. Die Vegetation wurde abwechslungsreicher, grüner, man sah weniger Lamas, mehr Maultiere. Der Busbegleiter, ein magerer, drahtiger Indiojunge, zuständig für Tickets und Gepäck, hielt uns für US-Amerikaner, zeigte auf alles Mögliche im Bus und wollte das englische Wort dafür lernen. Alemania hatte er schon gehört, verlegte es aber nach Asien. Ich hatte immer deutsche Münzen für Interessierte  dabei und gab ihm bei Ankunft in Tarija eine 10-Pfennig-Münze. Er strahlte.
Tarija, noch Bolivien und immerhin noch auf rund 2000m, hatte ein wirklich frühlingshaftes Klima, vermutlich eine schöne Stadt, leider hatten wir nach rund 6 Stunden Fahrt keine Lust mehr, rumzulaufen, Indios sah man kaum noch. Brian lief los, um etwas zum Essen zu kaufen und kam ergebnislos zurück: No fucking bread anywhere. Nächtliches Magenknurren.
Am nächsten Tag Grenze zu Argentinien erreicht, mit Boot über schmalen Grenzfluss, Río Bermejo hieß er,  glaube ich. Jetzt ein gefühlt anderer Menschschlag, die Argentinier, wohlgenährt, kräftig, Grenzbeamte etwas arrogant. Sie halten uns etwas hin. Wir müssen alles auspacken, aber wir dürfen einreisen. Brian hatte eine 5-USD-Note in seinen Pass gelegt. Das wirkt in solchen Situationen immer, meinte er.

 

 

 

... auf Gleisen durch den Gran Chaco

Dann Buseta-Kleinbus nach Embarcación, von dort sollte Bahn nach Formosa am Río Paraguay gehen. Laut „Southamerican Handbook“, damals Reise-Bibel der Südamerika-Individualreisenden. Die Bibel hatte Recht. Wir erwischen den Bummelzug gerade noch. Wir Glückspilze, denn die Bahn fuhr nur an zwei Tagen die Woche. Fast schnurgerade durch den Gran Chaco,  flaches Land bis an den Horizont, kaum Bäume, kaum Dörfer, savannenartig, Büsche, wenige Palmen und …trocken, trocken…und heiß, heiß, heiß. Etwa 14 lange Stunden, obgleich „nur“ rund 700 Kilometer, ungefähr die Entfernung von Hamburg nach München.

Unsere Kehlen waren bald ebenso ausgetrocknet wie die vorbeiziehende Landschaft. Brian stöhnte und wollte schon scherzhaft seinen Curare-Klumpen schlucken. Ein Mädchen, das zustieg, rettet ihn, bändelte an, er war ja ein gutaussehender Ire, beide verschwanden auf die Waggonplattform und ich schlief beruhigt und neidisch ein. Zwischendurch hielt der Zug mitten in der Savanne. Panne? Mitnichten. Der Zugführer spazierte zu einem etwas entfernten Haus und kam nach einer Stunde zurück mit einer Frau. Seine? Jedenfalls ging es zuckelnd weiter. Es gab mehr Stationen je näher Formosa kam. Es war schon Nacht. Preiswertes Hotel, nach viermal klingeln wurde geöffnet, verständlich unwirsch zu so später Stunde. Doch, oh Wunder, die Besitzerin war deutschstämmig über die Großeltern, ihre Miene hellt sich auf angesichts meiner Identität, wir plapperten noch lange bis mir fast die Augen zufielen.

 

 

 

... nach Paraguay - Einreise mit Tücken

Drüben, am gegenüberliegenden Ufer des Río Paraguay bei Formosa begann der Staat Paraguay. Wir wollten nach Asunción, der Hauptstadt, die über 100km nördlich am gleichnamigen Fluss liegt. Es schien uns besser, auf der argentinischen Seite bis Chlorinda gegenüber Asunción zu fahren und von dort den Grenzfluss  zu überschreiten. Ein Fehler, denn es gab Schwierigkeiten. Die Hotelbesitzerin in Formosa hatte uns schon gewarnt. Sie hielt nichts von den Paraguayos. Na ja, Vorurteile, dachte ich. Die Zollleute sind alles Halunken, sagte sie. Nach unseren dann gemachten Erfahrungen hatte sie wohl in diesem Punkt Recht.
Erst einmal setzten wir an einer Stelle, dessen Name ich vergessen habe,  mit einem Boot über den Río. In der Zollstation auf paraguayischer Seite müssen wir alle Kleinigkeiten unseres Gepäcks ausbreiten.  Ein „Zöllner“ greift sich Brians Geige und zupft darauf wild herum, fängt an zu tanzen, schneidet Grimassen, alle seine „Kollegen“ grölen belustigt. Eine Saite zerspringt. Brian steht hilflos grinsend daneben. Die Männer kramen weiter achtlos in unseren Sachen, zerstreuen alles über die Tische. Bei Brian entdecken sie seine selbstgedrehten Zigaretten. Sie vermuten Marihuana. Eine Geruchsprobe hätte sie vom Gegenteil überzeugen können, aber entweder haben sie keine Ahnung oder suchen einen Vorwand uns zurückzuschicken. Naiverweise will ich noch telefonieren und die deutsche Botschaft anrufen, man lässt  mich aber nicht. Es hätte auch nichts genutzt. Man lässt uns nicht einreisen. Wir müssen mit dem Boot wieder zurück auf die argentinische Seite des Río Paraguay.


Unser nächster Versuch: die internationale Brücke über den Río Paraguay, Taxi dorthin. Kurzer Fußmarsch bis ungefähr zur Brückenmitte, wieder Paraguay-Grenzmenschen, sie tragen lange rote Schals. Geheimdienst, wie wir später erfahren. Sie wollen 30 USD je für unser Gepäck. Wir protestieren. Ich lüge so ganz nebenbei, mein Schwager sei bei der deutschen Botschaft in Asunción beschäftigt, er erwarte mich. Ich nenne auch einen erfundenen Namen: Klarfeld, was mir gerade so  einfiel. Der „Beamte“ glotzt mich an, überlegt und meint dann, wir müssten dennoch unsere Rucksäcke in einem Raum zurücklassen. Ich hatte gar keinen Rucksack, nur ein Extra-Bündel mit gesammelten Souvenirs, das ich in den Raum stellen musste.  Erst jetzt informieren uns die Männer, dass wir alles nach einer Woche wieder abholen könnten.  Mitnahme von Rucksäcken sei nicht erlaubt, da Peron, Staatsoberhaupt von Argentinien sich mit Stroessner, Präsident-Diktator von Paraguay, in diesen Tagen in Asunción treffen würde.  Also Sicherheitsvorkehrungen, wie es schien?  Nein, trickreicher Klau, denn eine Untersuchung der Sachen hätte ergeben können, dass meine gekauften Indioflöten und die gewebten Miniteppiche wenig geeignet waren  zu tödlichen Attentaten auf die Staatsoberhäupter.


Als wir später unsere zurückgelassenen Sachen abholen wollen, ist das meiste verschwunden, die wenigen restlichen Sachen liegen verstreut im Raum. Ausflucht der „Zöllner“: Nicht ihre Schuld, so viele Leute hätten inzwischen diese Raum benutzt. Solche Tricks erkennt man halt immer zu spät.
Wir sind geschockt, aber wollen uns nicht geschlagen geben. Ich mache einen Termin in der Deutschen Botschaft. Der nette  junge Botschaftsangehörige, der nach mehreren Terminvorgaben mit uns redet, macht uns keine Illusionen, beschwichtigt, zuckt selbst die Schultern. Er redet von kleinen Vorkommnissen wie diesem, es würde Wochen dauern, um auch nur etwas herauszufinden, wahrscheinlich  würde  gar nichts geschehen. Sehen sie, gibt er uns zu verstehen, wir sind hier nicht in Deutschland. Hier gilt nicht das geschriebene Recht, sondern das Recht der Stärkeren, der Macht  und der Beziehungen - vergessen sie alles, wir sind in Paraguay. Punkt - und wir sehen das notgedrungen ein. 
Eine lustig-bedenkliche Episode aus seinen Erfahrungen fügte er hinzu. Am Ende eines Empfangs der Botschaft ging die Gattin eines paraguayischen Politikers von Tisch zu Tisch, säckelte die übrig gebliebenen Süßigkeiten in eine Plastiktüte und nahm sie mit. - Das hatte wenig Bezug zu unserem Problem – oder doch?


Das Hotel Union an der Plaza Uruguay war billig, aber auch entsprechend „basic“. 200 Guaranis p.P., die Holzkojen im Zimmer-Verschlag  dufteten nach jahrelang befleckter Bettwäsche, so dass ich lieber meine mitgeführten Laken applizierte. Die Etagendusche gebar ein paar garantierte Tröpfchen und das Etagenklo hatte sich dafür entschieden, die abgelegten Produkte zu sammeln. Eine Aufgabe für spätere Archäologen.

 

 

 

Beim Rundgang in Asunción schien es mir, als ob die Menschen hier wenige offen waren als sonst im erlebten Südamerika, oder soll ich sagen: etwas melancholischer. Aber das konnte täuschen.

Ihre Volkskunst machte jedenfalls nicht diesen Eindruck. Besonders beeindruckend waren die Spitzen-Gewebe im Ort Itauguá, rund 20km außerhalb von Asunción. Diese Ñandutí-Spitzen bedeuten treffend "Spinnweben" in der Sprache der Guaraní-Ureinwohner.

Ein besonders farbiges Mitbringsel aus Itauguá >

Ähnlich filigran und sensibel ist die Volkmusik, bei die indianische Harfe mit dem großen Klangkörper eine zentrale Rolle spielt.

(Externes Beispiel dazu hier: Pajaro campana)

paraguay-volkskunst-nanduti  

 

 

Die rund einjährige Lateinamerikareise ging noch bis Río. Ich war aber schon reisemüde. Den Iguazú-Wasserfällen schenkte ich einen kurzen Blick. Schade im Nachhinein. Brian, der Ire, war in Asunción geblieben und wollte noch nach Buenos Aires. Ein hartnäckiger Reisejunkie. Leider habe ich nichts mehr von ihm gehört. In Río bin ich noch nicht einmal auf den Zuckerhut gefahren. Auch sehr schade. In einem einfachen Hotel zog ich mir noch zig Flohbisse zu - sozusagen als Abschied einer grandiosen Reise. Aber das juckte mich auch nicht mehr. Über Madrid ging´s dann nach Hause.

Ich zog die Reisestiefel aus und schlüpfte in meine Alltagslatschen. Es war mir, als ob ich alles nur geträumt hätte.

 

 

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